ÜBERSICHT
ZU DEN BALTISCHEN LÄNDERN
Friedrich Reinhold Kreutzwald (1803 - 1882)
machte das estnische Kalevipoeg mit seinem Wirken zugänglich.
Das Kalevipoeg entstammt den gleichen Ursprüngen wie das finnische
Kalevalat.
Die
Runoweisen, mündlich mitgeteilte Gesänge der ältesten
vorchristlichen Vergangenheit in erzählender Form, gehören ebenfalls
zur Überlieferung.
Die lettischen Daina und die litauischen Daina(?) zeigen
in ihrer meist einfachen strophischen Anlage eine Bindungen an die Musik
des Balkans und haben gewisse Parallelen in den rumänischen Doina.
Instrumente:
In Estland heißt das wichtigste Volksinstrument Kannel, in Lettland
Kohkle, in Litauen Kankles(?). (In Finnland wird es als Kantele
benannt). Es gehört zur Familie der Gusli und hat verschiedene
Entwicklungsstufen durchgemacht. Die Ähnlichkeit mit dem Cimbal der Zigeuner
ist nicht zu verkennen. Die ursprüngliche Zahl von fünf bis sieben
Seiten wurde mit der Zeit bis auf 13 erhöht.
Die meisten
der bisher gesammelten Volksmelodien entstammen der Zeit nach Einführung
des Christentums im 12. Jahrhundert.
Im 16. Jahrhundert wurde in die, unter der Herrschaft des deutschen
Adels stehenden, Länder Estland und Lettland das Luthertum eingeführt.
(Lettland bestand damals noch aus den selbständigen Teilen Kurland und
Livland)
Litauen blieb dagegen durch das 1385 geschlossene Bündnis mit
Polen vorwiegend katholisch.
Durch diese Verhältnisse wurden die überlieferten Volkslieder zeitweilig
nahezu völlig verdrängt und viele deutsche Lieder, vor allem Choräle,
fanden den Eingang in das Baltikum.
Erst die russische Revolution 1917 gab den baltischen Ländern
ihre Selbständigkeit und damit die Möglichkeit einer intensiven
Pflege ihres eigenen Volkstums.
Allerdings
bahnte sich diese Entwicklung bereits auf den großen Sängerfesten
von 1869 in Estland und 1873 in Lettland
an.
Alexander
Kunileid (1845 - 1875), der estnische Komponist
sagte: "Wenn estnische Musik ihrem Namen Ehre machen soll, muß sie in
der estnischen Volksmusik ihre Quellen suchen, aber keineswegs die Kunstmusik
Europas nachahmen."
Otto
David Wirckhaus (1837 - 1912), K.
A. Hermann (1851 - 1909),
Friedrich Saebe1mann (1851 - 1911) und
A1exander Läte
(1860 - 1948) gehörten ebenfalls zu den Schrittmachern für
eine volksgebundene Kunstmusik in Estland.
Janis Cimze(?) (1814 - 1881) setzte sich schon 1839 in Lettland
für die Gründung von Chören ein. 1872 veröffentlichte
er das Dziesmu rotas, eine Sammlung in zwei Teilen, deren erster lettische,
der zweite deutsche und andere Volkslieder enthielt.
Karlis
Baumann (l835 - 1905) schuf als erster lettischer Komponist die
Volkshymne Dievs sveti Latviju(?).
Die Forderung
nach einer national gebundenen Tonkunst ließ sich jedoch nur verwirklichen,
wenn die Komponisten das Handwerk vollkommen beherrschten. Die Ausbildung
der jungen baltischen Musiker fand meist an den russischen Konservatorien
in Petersburg und Moskau statt.
Nikolai Rimskij-Korssakow war ihr wichtigster Lehrer.
Miina Härma (1864 - 1941), Konstantin Türnpu
(1865 - 1927),
Johannes Kappel (1885 - 1907) wurden irn Konservatorium Petersburg
ausgebildet. Durch sie nahm die estnische Musik vor allem im Chorgesang einen
großen Aufschwung.
Andrejs
Jurjans(?) (1856 - 1922), gebürtiger Lette und Lehrer an der
kaiserlichen Musikschule in Charkow, bereiste im Sommer seine Heimat und veröffentlichte
die von ihm gesammelten Volkslieder unter dem Namen Latviju tautas muzikas
materiali(?). Ferner analysierte er Tonalität und. Harmonik des lettischen
Volksliedes.
1894 gab er seine Untersuchungen heraus.
Beides wurde zur Grundlage der lettischen nationalen Kunstmusik.
Ceslavas
Sasnauskas(?) (1867 - 1916) und Juozas
Naujalis (1869 - 1934) gingen in Litauen von der Daina(?)
aus, die sie mit einfachsten Mitteln stilisierten, ohne sie indessen schon
zu einer personlichen Kunstform zu steigern.
Joseph
Wihtol,
geboren am 26. Juli 1863
zu Wolmar in Livland, gestorben im Dezember 1948
zu Lübeck, gewann als lettischer Komponist eine überragende Bedeutung
für das Musikleben im Baltikum.
1880-1886 studierte er bei Johannsen
und Rimskij-Korssakow.
1908 wurde er Leiter der Kompositions-Klassen
am Petersburger Konservatorium als Nachfolger Rimskij-Korssakows
und bekleidete diese Stellung bis
1918. Daneben war er Referent
der Petersburger Deutschen Zeitung. Nach dem ersten Weltkriege ging er als
Direktor der lettischen Oper nach Riga und gründete das Konservatorium.
Er nannte sich nun in lettischer Form Jazeps
Vitols(?).
1944 verließ er Lettland.
Bis zu seinem Tode im Dezember 1948 lebte er in Deutschland, zunächst
in Flensburg, dann in Lübeck. Hier verstarb er in einem Hospital.
Eine Reihe von Komponisten aller drei baltischen Länder genoß seinen
Unterricht.
Obwohl sein Schaffen auf der Grundlage lettischer Volksmusik erwuchs, hat
es eine übernationale Bedeutung gewonnen.
Kompositionen:
Die Chorweisen: Der Barde von Beverin op. 28, Das Lied op. 35,
Nordschein op.45, viele Chorweisen a cappella sowie mit Instrumental-Begleitung,
dazu Lieder und bearbeitete lettische Volkslieder.
Orchester-Kompositionen: Sinfonische Dichtung, Eine Lihgofeier op.4, Dramatische
Ouvertüre op. 21, Suite über lettische Volksweisen op. 29b, Lettische
Ouvertüre Spriditis op. 37, Musik zu Anna Brigaderes Märchen "Brusubarda
und Prinzessin Gundega" op. 46, die Tanzdichtung Edelsteine, die Phantasie
über lettische Volkslieder für Violine und Orchester op. 42, Eine
Sinfonie blieb Manuskript.
Kammermusik: Streichquartett G-dur op. 27, Viola.-Stücke op. 2 und
op. 16, Viola-Stücke op.l4; außerdem viele Klavier-Kompositionen,
darunter Sonate op. 1, Variationen op. 6, 21 Hörner mit kleineren Stücken. |